Manchmal spürst du deinen Körper ganz genau: du bemerkst plötzlich die hochgezogenen Schultern, den engen Brustkorb, den gerundeten Rücken – ganz ohne bewusste Entscheidung. An anderen Momenten atmest du tiefer, richtest dich auf, du nimmst mehr Raum ein – und in dir entsteht ein Gefühl von innerer Ruhe. Diese Wechsel sind kein zufälliges Hin und Her. Sie zeigen, dass Körper und Emotionen kein isoliertes Spiel spielen, sondern tief miteinander verbunden sind. Unsere Haltung sendet Signale an das Gehirn, die wiederum unsere Gefühle beeinflussen – und umgekehrt.
Genau diese Wechselwirkung hat die Neurowissenschaftlerin Dr. Nazareth Castellanos in einem Interview mit La Nación beleuchtet. In ihrem Ansatz steht vor allem eines im Mittelpunkt: Wir besitzen nicht nur die klassischen fünf Sinne, sondern sieben – und die beiden vielleicht „unsichtbarsten“ unter ihnen, die Interozeption und die Propriozeption, haben einen enormen Einfluss auf unser emotionales Erleben.
Hier sind fünf überraschende Wege, wie deine tägliche Körperhaltung direkten Einfluss auf dein inneres Wohlbefinden hat:
1. Haltung als Stabilisator für dein emotionales Gleichgewicht
Dr. Castellanos erklärt, dass unser Gehirn Informationen von unserem Körper ständig bewertet – nicht nur, was wir sehen oder hören, sondern auch, wie wir stehen, atmen oder wie unser Brustkorb geöffnet ist.
Wenn wir aufrecht sitzen oder stehen, atmen wir tiefer. Diese tiefere Atmung beruhigt das autonome Nervensystem und mildert die Aktivität stressbezogener Kreisläufe. Studien zur emotionalen Regulation zeigen, dass ein klarer, offener Körperraum die Fähigkeit stärkt, mit Herausforderungen gelassener umzugehen (etwa durch erhöhte interozeptive Sensibilität – ein Begriff, der beschreibt, wie sehr wir die Signale aus unserem Inneren wahrnehmen können).

2. Stress wird über deine Haltung „übersetzt“
Wir neigen dazu, unter Druck instinktiv in bestimmte Haltungen zu verfallen: ein „Zusammenfallen“ der Brust, hängende Schultern, ein schmaler Atemzug. Das bedeutet mehr, als nur körperlich angespannt zu sein – laut Castellanos empfängt unser Gehirn diese Signale und kann sie als Stress oder Unsicherheit interpretieren.
3. Emotionale Prägungen sind körperlich gespeichert
Emotionen hinterlassen Spuren nicht nur im Gedächtnis, sondern buchstäblich im Körpergewebe: Faszien, Atemmuskulatur, körperliche Schutzreaktionen – all das speichert, wie wir uns gefühlt haben. In dem Interview sagt Castellanos, unser Gehirn reagiert permanent auf körperliche Signale, oft noch bevor wir sie bewusst benennen können.
Deshalb kann es sein, dass wir im Alltag immer wieder unbewusst in „Schutzhaltungen“ zurückfallen, ohne dass wir sofort merken, warum.
4. Yoga & Pilates schaffen neue „emotionale Räume“ im Körper
Yoga oder Pilates verändern nicht nur unsere äußere Haltung, sondern auch, wie wir unser Inneres wahrnehmen. Durch bewusste Bewegungen, Atemarbeit und Stabilität fördern wir unsere interozeptive Wahrnehmung – also die Fähigkeit, Signale aus dem Inneren des Körpers (Herzschlag, Atmung, Organfunktionen) zu fühlen und zu interpretieren. Diese innere Sensibilität ist ein zentraler Schlüssel zur emotionalen Selbstregulation, wie neurowissenschaftliche Forschung zeigt.
Gleichzeitig trainieren wir unsere propriozeptive Wahrnehmung – also das spürbare Wissen, wie sich unser Körper im Raum hält. Das verstärkt unser Gefühl von innerer Zentriertheit und Stabilität.
5. Haltung stärkt Selbstwirksamkeit und emotionale Resilienz
Wenn du bewusst deine Haltung ausrichtest – Wirbelsäule lang, Brust geöffnet, Schultern weich – dann veränderst du nicht nur dein äußeres Erscheinungsbild, sondern auch deine „innere Stimme“. Dein Gehirn bekommt Rückmeldung, dass du „da bist“, dass du dich ausrichtest – und das stärkt das Gefühl, handlungsfähig zu sein.
Castellanos betont, dass unser Körper nicht nur reagiert, sondern aktiv mitgestaltet, wie wir uns fühlen und wahrnehmen. Diese Embodiment-Wirkung ist kein kurzlebiger „Power-Pose“-Effekt, sondern basiert auf realen physiologischen Veränderungen – in Muskulatur, Atem und Körpersignalen.
Wenn Körper und Gefühl wieder miteinander sprechen
Castellanos bringt es im Interview wunderschön auf den Punkt: Wir verstehen Emotionen besser, wenn wir unseren Körper besser spüren. Körperhaltung ist ein Dialog – zwischen Atem und Nervensystem, zwischen Muskeltonus und Gefühl, zwischen innerer Welt und äußerer Ausrichtung.
Bei Purajana sind wir jeden Tag Zeugen davon: Wenn Menschen ihren Körper bewusster erleben, verändert sich nicht nur ihre Haltung, sondern ihr emotionales Fundament. Unsere Purajana-Community mit ihrer Präsenz, ihrer Offenheit und ihrer Bereitschaft, sich auf achtsame Bewegung einzulassen, ermöglichen uns, das zu tun, was wir lieben – sie auf dem Weg zu innerer Balance und körperlicher Leichtigkeit zu begleiten.
Inspiriert von den neurowissenschaftlichen Erkenntnissen von Dr. Nazareth Castellanos
Weiterführende Quellen
Wer die Hintergründe weiter erforschen möchte, findet hier die wesentlichen Studien und Quellen, die Dr. Nazareth Castellanos im Gespräch erwähnt.
Marco Catani, A little man of some importance, Brain, Volume 140, Issue 11, November 2017, Pages 3055–3061
Strack, Fritz & Martin, Leonard & Stepper, S.. (1988). Inhibiting and facilitating conditions of the human smile: a nonobtrusive test of the facial feedback hypothesis. Journal of Personality and Social Psychology. 54. 768–777. 10.1037//0022-3514.54.5.768.
Michalak J, Mischnat J, Teismann T. Sitting posture makes a difference-embodiment effects on depressive memory bias. Clin Psychol Psychother. 2014 Nov-Dec;21(6):519-24. doi: 10.1002/cpp.1890. Epub 2014 Feb 27. PMID: 24577937.
Damasio AR. The somatic marker hypothesis and the possible functions of the prefrontal cortex. Philos Trans R Soc Lond B Biol Sci. 1996 Oct 29;351(1346):1413-20. doi: 10.1098/rstb.1996.0125. PMID: 8941953.
Diez GG, Anitua E, Castellanos N, Vázquez C, Galindo-Villardón P, Alkhraisat MH (2022) The effect of mindfulness on the inflammatory, psychological and biomechanical domains of adult patients with low back pain: A randomized controlled clinical trial. PLoS ONE 17(11): e0276734.


